Interviews in Fremdsprachen führen: Best Practices für HR
Auch im nationalen Recruiting spielen Fremdsprachen eine zentrale Rolle: Bewerberinnen und Bewerber, die im Inland arbeiten sollen, bringen immer öfter Kenntnisse in einer oder mehreren Fremdsprachen mit – sei es für Kundenkontakt, E-Mail-Kommunikation, Support oder Teamkoordination. Laut offiziellen Daten des Statistischen Bundesamts sind etwa 18 % der deutschen Bevölkerung mehrsprachig im Alltag und nutzen neben Deutsch mindestens eine weitere Sprache im Haushalt.
Doch selbst wenn viele Menschen mehrere Sprachen kennen, sind diese Kenntnisse oft einfacher Natur – also nicht automatisch ausreichend für berufliche Anforderungen. Genau hier kommt das Bewerbungsinterview ins Spiel: Wie können Sie valide feststellen, ob ein Kandidat die Sprache tatsächlich auf dem erforderlichen Niveau beherrscht?
Im Folgenden zeigen wir Ihnen, wie Sie Fremdsprachen-Interviews effizient, strukturiert und fair gestalten – ohne sie zu reinen Sprachprüfungen werden zu lassen.
Warum Fremdsprachen-Interviews im nationalen Recruiting wichtig sind
Wenn Sie eine Stelle mit Fremdsprachbedarf besetzen, reicht es nicht, allein auf den Lebenslauf oder ein simples Selbstrating („verhandlungssicher“) zu vertrauen. Nur durch ein Gespräch in der benötigten Sprache lässt sich ein realistisches Bild der Fähigkeiten gewinnen – und zwar insbesondere in beruflich relevanten Situationen.
Ein Interview bietet die Chance, mehr zu erfahren als nur „Grundkenntnisse“:
- Kann der Kandidat in der Fremdsprache komplexe Inhalte erklären?
- Beherrscht er den relevanten Fachwortschatz?
- Reagiert er spontan auf Rückfragen?
Zudem steigert eine klar strukturierte und respektvolle Gesprächsführung die Candidate Experience – ein Punkt, den auch HR-Experten wie in der Harvard Business Review betonen: Ein Interviewprozess sollte sowohl Auswahl als auch Employer Branding leisten.
Best Practice 1: Anforderungen klar festlegen
Definieren Sie im Vorfeld konkret, welche Sprachfähigkeiten für die Rolle erforderlich sind – idealerweise nach dem Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen (GER):
| GER-Niveau | Beschreibung |
|---|---|
| A2 | Grundverständnis, einfache Gespräche |
| B1 | Alltagskommunikation mit kleinen beruflichen Bezügen |
| B2 | Fließende Kommunikation zu fachlichen Themen |
| C1 | Sicheres Argumentieren, verhandlungssichere Sprache |
| C2 | Nahezu muttersprachliche Kompetenzen |
So gehen Sie im Interview gezielt auf die für den Job relevanten Aspekte ein.
Best Practice 2: Strukturierte Interviewphasen planen
Ein Interview, das teilweise in einer Fremdsprache geführt wird, profitiert von einer klaren Struktur – das sorgt für Vergleichbarkeit zwischen Kandidaten und verhindert Überforderung.
Empfohlene Phasen:
- Einstieg & Small Talk – Lockerer Beginn, um Nervosität abzubauen
- Beruflicher Hintergrund – Lässt Sie Sprachfähigkeit im Kontext sehen
- Fachliche Fragen in deutscher Sprache
- Situative Fragen in der Fremdsprache – Praxisnahe Aufgaben simulieren
- Feedback & offene Fragen des Kandidaten
Best Practice 3: Praxisnahe Situationen statt Standardfragen
Statt allgemeiner Floskeln wie „What is your greatest weakness?“ sollten Sie realistische Aufgaben oder Szenarien verwenden. HR-Experten raten dazu, echte Herausforderungen aus dem Arbeitsalltag zu präsentieren – ähnlich wie man in anderen Branchen z. B. einen Koch zum Kochen auffordert, statt nur über Kochen zu sprechen.
Beispiele für praxisnahe Situationen:
- Telefonanruf simulieren: Kunde fragt nach Lieferstatus
- E-Mail zusammenfassen: Aus einem englischen Schreiben den Kern wiedergeben
- Problemlösung: „Ihr Kunde beschwert sich über X – wie würden Sie reagieren?“
- Fachgespräch: Erklären eines Produkts oder Prozesses
Solche Situationen zeigen nicht nur Wortschatz, sondern auch Kommunikationsstrategie, Argumentationsfähigkeit und Umgang mit Rückfragen.
Es lohnt sich hier auch die Verwendung von Künstlicher Intelligenz, um die Aufgaben und Fragen noch näher an die tatsächliche Situation anzupassen.
Best Practice 4: Objektive Bewertung statt Bauchgefühl
Nutzen Sie ein Bewertungsschema, das sprachliche Leistung und berufsbezogene Kommunikation trennt. Ein einfaches Raster kann dabei helfen:
| Bewertungskriterium | Fokus |
|---|---|
| Verständlichkeit | Wie gut kommt die Botschaft an? |
| Flüssigkeit | Kann klar und zusammenhängend gesprochen werden? |
| Wortschatz | Passt zum Fachgebiet? |
| Interaktion | Reaktion auf Rückfragen? |
| Fachlicher Kontext | Versteht und nutzt relevante Inhalte? |
Ein Akzent, kleinere Grammatikfehler oder ein leichtes Zögern sollten – solange die Botschaft klar ist – nicht zu schnell disqualifizieren.
Best Practice 5: Doch nicht zu viele Interviewer einbinden
Auch wenn es hilfreich sein kann, mehrere Perspektiven einzubeziehen, gelingt ein Interview effektiver, wenn nicht zu viele Personen gleichzeitig beteiligt sind. Zu viele Interviewer können den Kandidaten zusätzlich stressen und die Entscheidungsfindung verlangsamen.
Eine gute Kombination:
- Fachvorgesetzte/r
- HR / Recruiter
- Optional: künftige/r Teamkollege/in
So bekommen Sie verschiedene Blickwinkel, ohne den Prozess zu überfrachten.
Tipps für den Interviewalltag
Stress reduzieren
Ein entspanntes Umfeld hilft Kandidaten, ihr Potenzial besser zu zeigen – besonders, wenn sie in einer Fremdsprache sprechen müssen. Geben Sie vorab Hinweise zu Themen, Ablauf und Erwartungshorizont.
Cultural Fit richtig einschätzen
Auch Kandidaten im nationalen Recruiting kommen aus unterschiedlichen sprachlichen oder kulturellen Hintergründen. Achten Sie nicht nur auf Passung, sondern darauf, wie anpassungsfähig und lernbereit jemand ist.
Rolle aktiv verkaufen
Ein Interview ist keine Einbahnstraße: Wenn Sie überzeugt sind, nutzen Sie die zweite Hälfte des Gesprächs, um die Stelle, das Team und die Entwicklungsmöglichkeiten attraktiv zu schildern. Gerade Kandidaten mit Sprachkompetenzen haben oft mehrere Optionen.
Sprachniveaus unterscheiden sich sehr je nach täglicher Anforderung
Vertrauen Sie nicht blind auf das gewünschte Sprachniveau des jeweiligen Fachbereichs. Ein Niveau im Vorfeld einzuschätzen, ist kein Einfaches. Nicht selten werden auch für simple Aufgaben Niveaus bis C2 angefragt, was zum einen eine Überqualifizierung mit sich bringt, zum anderen aber auch das Gehalt in die Höhe treibt und die Kandidatensuche erschwert.
Die folgende Tabelle zeigt, welcher Geschäftsbereich mit welchen Aufgaben für gewöhnlich einhergeht und welches Niveau dafür ausreichend ist.
| Bereich | Typische Sprachaufgaben | Niveau |
|---|---|---|
| Kundenservice | Telefon, Chat, Reklamationen | B2–C1 |
| Vertriebsinnendienst | Angebote, Rückfragen, Follow-ups | B2 |
| Assistenz | Korrespondenz, Terminabstimmung | B2–C1 |
| Tourismus | Gästekommunikation | B2 |
Fazit
Fremdsprachen-Interviews sind im nationalen Recruiting keine Kür, sondern ein zentraler Bestandteil der Auswahl für viele Rollen. Mit klarer Vorbereitung, strukturierter Gesprächsführung, praxisnahen Situationen und objektiver Bewertung finden Sie die Kandidaten, die nicht nur sprachlich, sondern auch fachlich wirklich passen.
Gerade über Plattformen wie sprachjobs.de erreichen Sie gezielt Bewerberinnen und Bewerber mit Sprachkenntnissen, was den Auswahlprozess effizienter und treffsicherer macht.